Löwenzahnkaffee selber machen: Rezept aus Wurzeln
Aus einer Handvoll ausgegrabener Wurzeln wird ein erdig-malziges Heißgetränk ohne Koffein. Die vollständige Anleitung – vom richtigen Erntezeitpunkt über das Trocknen bis zum Rösten, bei dem der Röstgrad über den Geschmack entscheidet.

Kaffee, der auf keiner Bohne wächst: Löwenzahnkaffee wird aus der Pfahlwurzel des gewöhnlichen Löwenzahns (Taraxacum officinale) gebrannt – jener Pflanze, die auf jeder Wiese steht und von den meisten als Unkraut behandelt wird. Das Getränk ist erdig, malzig und angenehm bitter, kommt vollständig ohne Koffein aus und lässt sich mit etwas Geduld komplett selbst herstellen. Diese Anleitung führt Schritt für Schritt durch den ganzen Weg: ausgraben, reinigen, trocknen, rösten, mahlen und aufbrühen – mit konkreten Temperaturen und Zeiten. Und sie widmet sich einer Stellschraube, die viele Rezepte übergehen: dem Röstgrad, der über mild-karamellig oder kräftig-bitter entscheidet.
Warum überhaupt Löwenzahnkaffee?
Der wichtigste Punkt zuerst, weil er oft missverstanden wird: Löwenzahnkaffee enthält kein Koffein. Er wird nicht aus Kaffeebohnen gewonnen, sondern aus einer gerösteten Wurzel, und botanisch hat der Löwenzahn mit dem Kaffeestrauch nichts zu tun. Wer also nach dem ersten Schluck einen Wachmacher-Effekt erwartet, wird ihn nicht spüren. Genau das ist für viele der Reiz: ein warmes, „kaffeeähnliches“ Getränk, das man auch am späten Nachmittag oder Abend trinken kann, ohne den Schlaf zu stören.
Interessant ist dabei die Rolle des Rituals. Der vertraute Ablauf – aufbrühen, den Röstduft einatmen, die dunkle Tasse in den Händen halten – erzeugt einen Teil jener Wachheit und Behaglichkeit, die man sonst dem Koffein zuschreibt. Was hier wirkt, ist kein pharmakologischer Reiz, sondern Gewohnheit und Erwartung; man könnte es einen Placebo-Effekt des Rituals nennen. Als Ersatz für Bohnenkaffee taugt Löwenzahnkaffee daher vor allem geschmacklich und atmosphärisch – nicht als Muntermacher. Ähnlich wie beim traditionellen Zichorien- oder Malzkaffee steht der Röstgeschmack im Vordergrund, nicht die Wirkung.
Wurzeln ausgraben: der richtige Zeitpunkt
Der Erntezeitpunkt entscheidet über die Qualität – und wird von vielen unterschätzt. Am besten gräbt man Löwenzahnwurzeln im Herbst, etwa von September bis November. Der Grund liegt in der Pflanzenphysiologie: Vor der Winterruhe zieht der Löwenzahn seine Reservestoffe aus den Blättern in die Wurzel zurück und speichert sie dort. Der Gehalt an Inulin, einem pflanzlichen Speicher-Ballaststoff, erreicht in dieser Zeit sein Maximum. Herbstwurzeln sind dadurch dicker, kräftiger und liefern beim Rösten mehr Aroma und jene karamellige Süße, auf die es ankommt. Ein zweites, kleineres Fenster bietet das zeitige Frühjahr vor dem Blattaustrieb, wenn die Reserven noch in der Wurzel liegen.
Zum Ausgraben eignen sich ein schmaler Spaten oder ein Unkrautstecher. Die Pfahlwurzel reicht tief; man sticht rund um die Blattrosette ein und hebt die Wurzel möglichst ganz aus dem lockeren Boden. Kräftige, fingerdicke Wurzeln von älteren Pflanzen sind ergiebiger als die dünnen Fäden junger Exemplare. Sammeln Sie an sauberen Standorten abseits von Straßenrändern, Hundewegen und gedüngten oder gespritzten Flächen.
Sammeln Sie nur, was Sie zweifelsfrei als Löwenzahn erkennen: grundständige Blattrosette, ungeteilter, hohler, blattloser Blütenstängel und milchiger Saft an Bruchstellen. Wurzeln aus Bodennähe vor der Verarbeitung sehr gründlich waschen und durch das anschließende Rösten erhitzen – das senkt das Risiko durch Erde und Parasiten. Warum das bei bodennahen Wildpflanzen wichtig ist, erklärt unser Beitrag Fuchsbandwurm und Wildkräuter. Im Zweifel gilt die Nummer des Giftnotrufs; verzichten Sie lieber auf eine unsichere Pflanze.
Reinigen, schneiden, trocknen
Frisch ausgegraben sind die Wurzeln erdig und zäh. Die Vorbereitung entscheidet mit darüber, wie gleichmäßig sie später rösten:
- Waschen: Die Wurzeln unter fließendem Wasser mit einer Gemüsebürste gründlich von Erde befreien. Feine Seitenwürzelchen und weiche Stellen entfernen.
- Schneiden: Die sauberen Wurzeln in kleine, möglichst gleich große Stücke von etwa fünf Millimetern schneiden. Kleine Stücke trocknen schneller und rösten gleichmäßiger.
- Trocknen: Die Stücke auf einem Tuch oder Gitter ausbreiten und an einem luftigen, warmen Ort mehrere Tage durchtrocknen lassen, bis sie hart sind und brechen statt biegen. Schneller geht es im Backofen bei 40 bis 50 Grad und leicht geöffneter Tür.
Gut durchgetrocknete Wurzelstücke lassen sich luftdicht monatelang lagern; man kann sie also im Herbst auf Vorrat vorbereiten und portionsweise rösten. Wer nur eine kleine Menge verarbeitet, kann das Trocknen auch überspringen und direkt zum Rösten übergehen – dann verlängert sich die Röstzeit, weil zunächst die Restfeuchte entweichen muss.
Rösten: der Röstgrad als Geschmacks-Stellschraube
Jetzt kommt der Schritt, der über Charakter und Geschmack entscheidet – und den die meisten Rezepte auf „bis braun“ verkürzen. Beim Rösten laufen zwei Prozesse ab: Das gespeicherte Inulin und weitere Zucker karamellisieren, und es bilden sich über die sogenannte Maillard-Reaktion die typischen braunen Röstaromen. Wie weit man diese Reaktionen treibt, ist die eigentliche Stellschraube.
Im Backofen breitet man die getrockneten Stücke auf einem Blech aus und röstet sie bei 150 bis 180 Grad rund 20 bis 40 Minuten, dabei gelegentlich wenden. In der Pfanne (mittlere Hitze, ohne Fett) geht es schneller, verlangt aber ständiges Rühren, damit nichts anbrennt. Entscheidend ist nicht die Uhr, sondern die Farbe und der Duft. Zwei Zielrichtungen lohnen das Experiment:
- Helle Röstung (goldbraun): kürzer und/oder kühler geröstet. Das karamellisierte Inulin dominiert, der Aufguss schmeckt milder, süßlich und deutlich karamellig. Für alle, die es sanft mögen.
- Dunkle Röstung (kräftig kastanienbraun): länger und/oder heißer geröstet. Die Röststoffe treten in den Vordergrund, das Getränk wird kräftiger, herber und bitterer – am nächsten an schwarzem Kaffee. Vorsicht vor dem Verkohlen: fast schwarze Stücke schmecken nur noch verbrannt-bitter.
Am besten notiert man sich Temperatur und Zeit der ersten Versuche und tastet sich an den eigenen Lieblingsröstgrad heran. Ein und dieselbe Wurzelernte kann so einmal ein mildes Karamellgetränk und einmal einen kräftig-bitteren „Espresso-Ersatz“ ergeben – allein über den Röstgrad. Lassen Sie die gerösteten Stücke vor dem Mahlen vollständig abkühlen.
Brühen Sie nach der ersten hellen Röstung eine Probetasse. Ist sie Ihnen zu mild, rösten Sie den Rest der Charge einige Minuten länger nach und vergleichen erneut. So finden Sie Ihren Röstgrad, ohne eine ganze Ernte zu verkohlen.
Mahlen, dosieren, aufbrühen
Die abgekühlten Röststücke werden gemahlen – in einer Kaffee- oder Gewürzmühle, notfalls im Mörser. Ein mittlerer bis grober Mahlgrad genügt. Für die Zubereitung haben sich zwei Wege bewährt:
Als Absud (kräftig)
Ein bis zwei Teelöffel Löwenzahnpulver pro Tasse mit Wasser aufsetzen, kurz aufkochen und fünf bis zehn Minuten leise köcheln lassen. Das Köcheln löst mehr Röststoffe und ergibt einen kräftigen, dunklen Aufguss. Anschließend durch ein feines Sieb oder einen Filter abgießen.
Als Aufguss (mild)
Wer es unkomplizierter mag, übergießt ein bis zwei Teelöffel mit kochendem Wasser und lässt den Sud fünf Minuten ziehen wie einen Tee, dann abseihen. Das Ergebnis ist heller und milder. In beiden Fällen lässt sich der Kaffee nach Geschmack mit einem Schuss Milch oder Pflanzendrink und etwas Süße abrunden – die karamelligen Noten harmonieren gut damit.
| Schritt | Richtwert | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Ernte | September–November | Maximaler Inulingehalt der Wurzel |
| Schneiden | ca. 5 mm Stücke | Gleichmäßiges Trocknen und Rösten |
| Trocknen | Mehrere Tage luftig oder 40–50 °C im Ofen | Hart und brüchig, keine Restfeuchte |
| Rösten hell | 150–160 °C, kürzer | Mild, süßlich, karamellig |
| Rösten dunkel | 170–180 °C, länger | Kräftig, herb, bitter |
| Aufbrühen | 1–2 TL/Tasse, 5–10 min | Köcheln = kräftig, ziehen = mild |
Wie gesund ist Löwenzahnkaffee?
Nüchtern betrachtet ist Löwenzahnkaffee vor allem ein kalorienarmes, koffeinfreies Genussgetränk – und als solches eine angenehme Bereicherung. Weitergehende Gesundheitsversprechen sind mit Vorsicht zu genießen. Die rohe Wurzel enthält den fermentierbaren Ballaststoff Inulin, der als präbiotisch gilt, weil er im Dickdarm von Bakterien verstoffwechselt wird; für Inulin aus Zichorie hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit einen Zusammenhang mit einer normalen Darmfunktion anerkannt. Wichtig für die Einordnung: Durch das starke Rösten wird ein Teil des Inulins abgebaut, sodass der fertige Kaffee vor allem Röststoffe und weniger intakten Ballaststoff liefert als die rohe Wurzel.
Traditionell wird der Löwenzahn in der Volksheilkunde als Frühjahrspflanze und für die Verdauung geschätzt. Solche überlieferten Anwendungen sind kein Beleg für eine medizinische Wirkung, und Löwenzahnkaffee ist ausdrücklich ein Lebensmittel, kein Arzneimittel. Er ersetzt keine ausgewogene Ernährung und keinen ärztlichen Rat. Wer Gallensteine hat oder Korbblütler nicht verträgt, sollte zurückhaltend sein und im Zweifel ärztlichen Rat einholen. Als das, was er ist – ein wohlschmeckendes, selbst gemachtes Heißgetränk – braucht Löwenzahnkaffee ohnehin keine Heilsversprechen.
Wer Freude an solchen selbst gemachten Wildpflanzen-Getränken findet, dem sei ein zweites Rezept ans Herz gelegt: der klassische Maigetränk-Klassiker im Beitrag Waldmeister giftig? Die Cumarin-Regel für die Bowle zeigt, wie man ein Aroma sicher dosiert. Grundlagen zum sicheren Bestimmen und zu Verwechslungen sammeln wir außerdem im Ratgeber und im Kapitel Giftige Doppelgänger.
Häufige Fragen
Wie gesund ist Löwenzahnkaffee?
Löwenzahnkaffee ist ein bekömmliches, kalorienarmes Alltagsgetränk ohne Koffein. Die gerösteten Wurzeln liefern vor allem Röststoffe und Ballaststoffe; die rohe Wurzel enthält den fermentierbaren Ballaststoff Inulin. Ein Heilmittel ist der Aufguss nicht – er ist ein Genussgetränk, kein Arzneitee.
Wann gräbt man Löwenzahnwurzeln am besten aus?
Im Herbst, etwa von September bis November. Dann zieht die Pflanze Reservestoffe in die Wurzel zurück, und der Inulingehalt erreicht sein Maximum. Die Wurzeln sind kräftig und aromatisch. Alternativ eignet sich das zeitige Frühjahr vor dem Austrieb.
Wie lange muss man Löwenzahnwurzeln rösten?
Die getrockneten, klein geschnittenen Wurzeln werden im Backofen bei etwa 150 bis 180 Grad rund 20 bis 40 Minuten geröstet, bis sie kräftig braun sind und aromatisch duften. In der Pfanne geht es schneller, erfordert aber ständiges Rühren. Der gewünschte Röstgrad bestimmt die Zeit.
Hat Löwenzahnkaffee Koffein?
Nein. Löwenzahnkaffee wird aus der Wurzel des Löwenzahns hergestellt und nicht aus Kaffeebohnen. Er enthält von Natur aus kein Koffein und wirkt daher nicht anregend. Er eignet sich als koffeinfreier Ersatz auch am Abend.
Wie schmeckt Löwenzahnkaffee?
Erdig, malzig und leicht bitter, mit einer feinen Karamell- oder Röstnote. Hell geröstet schmeckt er milder und süßlicher, dunkel geröstet kräftiger und bitterer. Kaffeetrinker erkennen eine vertraute Röstbitterkeit, ohne die Säure echten Kaffees.
Quellen & Literatur
- Bundeszentrum für Ernährung (BZfE). Wildkräuter: sammeln, erkennen, verwenden. Abgerufen 2026.
- European Food Safety Authority (EFSA), NDA Panel. Scientific Opinion on the substantiation of a health claim related to „native chicory inulin“ and maintenance of normal defecation. EFSA Journal, 2015. Abgerufen 2026.
- Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). gesundheitsinformation.de – Verständliche Gesundheitsinformationen. Abgerufen 2026.
- Fleischhauer, S. G.; Guthmann, J.; Spiegelberger, R. Enzyklopädie essbare Wildpflanzen. AT Verlag, Aarau. Abgerufen 2026.
- Bundesamt für Naturschutz (BfN). Sammeln von Wildpflanzen – Naturschutzrechtliche Hinweise. Abgerufen 2026.
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